Ausstellungstext
Mit Confusion model into a butterfly präsentiert der Kunstverein für Mecklenburg und Vorpommern in Schwerin die erste institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin Adriana Ramić in Deutschland. Geprägt von den Erfahrungen ihrer transkulturellen Biografie spiegeln sich in Ramićs multimedialen Installationen – aus Videoarbeiten, Skulpturen und Sprache – Fragen nach hybriden Identitäten, transkulturellen Wissensformen und den Grenzen anthropozentrischen Denkens. Aus diesem Kontext heraus entwickelt sie poetische, konzeptuelle Werke, die gleichermaßen analytisch wie spekulativ operieren und Bezüge zu politischen Realitäten der Gegenwart und Vergangenheit sichtbar machen. Für ihre Ausstellung in Schwerin verwebt Ramić skulpturale und videobasierte Arbeiten aus den vergangenen Jahren ihrer künstlerischen Praxis und setzt sie in einen Dialog mit der spezifischen Architektur der Ausstellungsräume. Im Zentrum steht die neu konzipierte 5-Kanal-Videoinstallation Multi-scene inputs (Oursa and Ljudmila), 2025–26, die die beiden Katzen Oursa und Ljudmila als Protagonistinnen in unterschiedlichen historischen und geografischen Kontexten begleitet.
Oursa lebt im ehemaligen Wohnhaus des albanischen Diktators Enver Hoxha, der das Land über mehr als vier Jahrzehnte regierte und politische Gegner:innen, Zivilisten sowie auch eigene Mitstreiter:innen willkürlich inhaftieren, foltern und hinrichten ließ. Die 1973 errichtete Villa – auch als Objekt X bekannt – war damals Teil einer abgeschirmten Wohnsiedlung in Tirana, zu der nur ausgewählte Repräsentant:innen des Regimes Zugang hatten. Heute dient sie als Künstler:innenresidenz und Kulturzentrum – ein Ort, an dem auch die Künstlerin im letzten Jahr selbst zu Gast war. Trotz ihrer heutigen Umnutzung materialisiert sich in der Architektur der Villa weiterhin eine Vergangenheit repressiver Machtausübung und widersprüchlicher Selbstinszenierung. Während Hoxha westliche Einflüsse in Kunst, Musik und Architektur rigoros unterband, orientierte sich die Einrichtung der Villa – vom Kino über den privaten Aufzug bis hin zum hauseigenen Pool – demonstrativ an westlichen Vorbildern. Einst ein Symbol von Macht und Privilegien und heute durch ihre Aneignung und Zugänglichkeit zu einem Zeugnis der Widerstandskraft gegen ein autoritäres Regime geworden, kann die Villa in der Gegenwart vielmehr als inoffizieller Ort von Geschichtsschreibung gelesen werden.
Drei der fünf Videokanäle folgen Oursa als mittlerweile einzige langfristige Bewohnerin dieses Ortes durch die geschichtsträchtigen Räume. Geboren in Frankreich, wurde sie in jungen Jahren nach Albanien in die Villa mitgenommen, wo sie – so das Ergebnis einer tierpsychologischen Konsultation – dauerhaft bleiben wollte. Oursas Umherschweifen durch das Anwesen trägt ein unterschwelliges Gefühl von Beobachtung und unheimlicher Präsenz in sich, sie scheint dabei Dinge wahrzunehmen, die sich dem Sichtbaren entziehen. Die Videosequenzen folgen Oursa, wie sie immer wieder durch die Villa und den angrenzenden Garten streift, Vögel, Mäuse und Eidechsen jagt, ihre Beute ins Haus bringt und mit ihr spielt, bis ihr Interesse erlischt und sie die Tiere benommen zurücklässt. Offensichtlich ihrem Instinkt folgend, entfaltet dieses Verhalten im Kontext der Geschichte der Villa eine irritierende Resonanz zu den gewaltsamen Handlungen, die hier geplant und verantwortet wurden.
Demgegenüber stehen Videoaufnahmen von Ljudmila, die zu dieser Zeit nahe dem Bileća-See im Südosten Bosniens und Herzegowinas lebte. Der See wurde zur Stromgewinnung durch Wasserkraft künstlich angelegt, wodurch mehrere Dörfer vollständig überflutet wurden – darunter auch die Überreste einer römischen Villa. Nur in den Sommermonaten, wenn der Wasserspiegel sinkt, treten die Ruinen wieder zutage und ermöglichen es, sowohl Ljudmila als auch Besucher:innen der Region – sowie der Künstlerin selbst –, durch die versunkene Vergangenheit zu wandeln. Die 2021 aufgenommenen Videos von Ljudmila zählen zu Ramićs frühesten Videoarbeiten und entstanden ebenfalls im Rahmen einer Residency nahe des Sees. Sie reflektieren ihre Auseinandersetzung mit dem Herkunftsland eines Teils ihrer Familie. Die Kamera folgt Ljudmila entlang grasbewachsener Felder, durch Ruinenlandschaften und über weite Uferzonen. Diese Szenen werden immer wieder mit Aufnahmen weiterer historisch bedeutsamer Orte in Bosnien und Herzegowina verwoben, darunter die Nekropole Smrike in Novi Travnik, eines der vielen Mahnmale aus der jugoslawischen Ära für die Opfer des Faschismus, sowie eine Wiese oberhalb der neolithischen Siedlung Okolište, welche eine der größten archäologischen Fundstätten der Region darstellt.
Durch die skulpturale Einbettung der fünf Videokanäle in die verspiegelten Raumrelikte generieren die Bilder immer wieder neue Muster, die auch ihre unmittelbare Umgebung in Beziehung zum Gezeigten setzen. Die Videos werden punktuell von kurzen Sequenzen früherer Arbeiten durchzogen, in denen die Verhaltensweisen anderer Tiere wie Hühner oder Käfer im Mittelpunkt stehen. Vor den projizierten Bildern hängen auf unterschiedlichen Augenhöhen von der Decke herab Metallketten, an denen Zerstreuungslinsen befestigt sind. Je nach Blickwinkel greifen sie in die Projektionen ein, komprimieren einzelne Bildausschnitte und verschieben so den Fokus des Geschehens. Auf subtile Weise erweitert Ramić damit das narrative Gefüge der Ausstellung und verschränkt vermeintlich objektive Geschichtsschreibung mit subjektiver Erfahrung. So bindet sie nicht nur ihre persönliche Auseinandersetzung mit ihrer postmigrantischen Biografie in die unterschiedlichen historischen und geografischen Kontexte ein, sondern macht gleichzeitig auch den fortlaufenden Prozess ihrer künstlerischen Reflexion sichtbar sowie die Umgebung und Perspektive der Betrachtenden.
Die Videoarbeit wird ergänzt durch die Installation Enumerate candidates, 2024–26, die auf einegängige Tradition unter anderem in osteuropäischen Ländern anspielt: Gemüse wird eingelegt, konserviert und in Einmachgläsern in vereinfachte, standardisierte Tierformen zugeschnitten. Daran anschließend zeigt die entlang der Wandleisten verlaufende Installation Unseen behavior, 2024–26, eine Aneinanderreihung von Tierstickern, angelegt wie ein enzyklopädisches Ordnungssystem. Diese stammen aus einer kroatischen Schokolade mit Sammelbildern, die den Anspruch verfolgt, eine möglichst große Bandbreite lebender Tierarten abzubilden. Beide Arbeiten reflektieren, wie kulturelle Systeme anthropozentrische Ordnungs- und Darstellungsmuster erzeugen, und thematisieren zugleich Fragen von Standardisierung und Katalogisierung.
Mit dieser Verflechtung unterschiedlicher Akteure und Zeitlichkeiten eröffnet Adriana Ramić einen multiperspektivischen Blick auf die Spuren menschlichen und nichtmenschlichen Handelns, die sich mittels und jenseits von Intention entwickeln. Die Arbeiten verweisen damit sowohl auf die ideologische Konstruktion gebauter und landschaftlicher Realitäten, als auch auf die zyklisch wiederkehrenden Muster von Verhalten, Macht, Beobachtung und Wahrnehmung, die sich nicht nur an diesen Orten zu entfalten scheinen. Dadurch entstehen vielschichtige Bildräume, die Handlungsmacht, soziale Ordnungen und die Bedeutung vergangener Ereignisse und historischer Kontinuitäten ebenso reflektieren wie deren fortwährende Präsenz und Relevanz im Hier und Jetzt.
Ergänzt wird die Ausstellung durch eine digitale Erweiterung auf der Webseite des Kunstvereins. Ein Teil von Ramićs künstlerischer Praxis ist das stetige Einbeziehen von Referenzen und Erkenntnissen aus unterschiedlichen Forschungsbereichen. Die digitale Arbeit Times the flowers in function, 2026, versammelt im Zusammenhang der Ausstellung vor allem tierpsychologische und verhaltenswissenschaftliche Studien zu sozialem Lernen, geteilter Aufmerksamkeit und natürlichen Interaktionsritualen. Sie verdeutlichen, dass Katzen in der Lage sind, Handlungen zu erkennen, nachzuahmen und Sinnzusammenhänge herzustellen. Das zugrunde liegende Material spiegelt zudem Ramićs Forschung der letzten Jahre im Bereich Computer Vision und Natural Language Processing wider sowie breiter angelegte, historisch oder literarisch ausgerichtete Studien. Die von Ramić programmierte Logik überführt diese Erkenntnisse in eine poetische Methodik der Inhalts- und Bedeutungsproduktion.
Die Ausstellung und der begleitende Katalog werden unterstützt durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung im Rahmen des Förderpreises Kataloge für junge Künstler*innen. Der Katalog wird im Laufe dieses Jahres erarbeitet und publiziert.
Kuratorin
Hendrike Nagel
Assistenzkuratorin
Luisa Kleemann
Material
Biografie
Adriana Ramić (geb. in Chicago, IL) ist eine Künstlerin bosnischer und polnischer Herkunft, die zwischen Europa und den USA lebt und arbeitet. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in Einzel- und Gruppenausstellungen in folgenden Institutionen und Ausstellungsräumen gezeigt: David Peter Francis, New York (2025), Kunstinstituut Melly, Rotterdam (2025), Autokomanda, Belgrade (2024), SculptureCenter, New York (2024), KW Institute for Contemporary Art, Berlin (2024), Galeria Wschód, New York (2024), Kim? Contemporary Art Centre, Riga (2023), inge, New York (2022), Den Frie Center of Contemporary Art, Kopenhagen (2021), Hessel Museum of Art, Annandale-on-Hudson (2019), Museum of Contemporary Art Detroit (2018), Luma Westbau, Zürich (2015), Moderna Museet, Stockholm (2015), Kunsthalle Wien (2015).
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