Ausstellungstext
Molten, die neue Einzelausstellung von Céline Mathieu im Kunstverein für Mecklenburg und Vorpommern in Schwerin, setzt sich mit dem auseinander, was bereits vorhanden ist und was eingebracht wird – als eine lebendige Infrastruktur, die widerstehen, aufnehmen und weiterleiten kann. Material aus früheren Ausstellungen in der Kunsthall Trondheim (NO) und im Kunstverein Harburger Bahnhof (DE) findet seinen Weg in diese Ausstellung und verschaltet die Ausstellungen miteinander.
„Rubén erzählte mir neulich, dass während der Industriellen Revolution die neuen Maschinen menschliche Augäpfel in ihren Höhlen zum Zittern brachten, was zu verschwommener Sicht und womöglich sogar zur vermeintlichen Erscheinung von Geistern führte. Die genaue Frequenz ist künstlich nur schwer zu erzeugen und wiederherzustellen.
Auch hier in der Ausstellung ist die Luft ausgedünnt – wo Werke wie Tropfen, Unterbrechungen, Zwischenräume und Verdichtungen einen Rhythmus erzeugen, wie ein seltsames Gedicht. Ist es ein Zufall, dass im Englischen „current“ [Strömung] und „currency“ [Währung] ähnlich klingen? Und „curation“ [Kuration]?
Ein elektromagnetisches Feld spannt sich unsichtbar zwischen den Chips, ESP32s. Einer von ihnen sendet ein Signal, das alle gleichzeitig blinken lässt. Der Programmierer sagte mir, manchmal gebe es Kommunikationsschwierigkeiten.
Die Maschinen des damaligen E-Werks, welches das Gebäude einst beherbergte, wurden mit dem Wasser des nahegelegenen Sees gekühlt – so hörte ich zumindest. Unter dem Kunstverein verlaufen anscheinend noch immer die Leitungen, die gelegentlich die Keller fluten, während die Maschinen längst verschwunden sind. Und aus dem berühmten Schloss gibt es immer wieder Berichte, die auf die Anwesenheit von Geistern hinweisen.
Winzige Blättchen aus Anlagegold sind mit Dentalharz fixiert und hoch oben an der Wand fixiert. Als Geschenk aus meiner vorherigen Ausstellung im Kunstverein Harburger Bahnhof bilden sie eine materielle Reserve, die im Hinblick auf künftige Produktionen treuhänderisch verwaltet wird – um, falls notwendig, eingeschmolzen und in Geld umgewandelt zu werden.
Nach meinem Konzept sollten auch die Aluminiumbarren, die für meine letzte Ausstellung in Norwegen gesponsert wurden, bis zum Zeitpunkt ihres Verkaufs immer wieder eingeschmolzen werden. Ob sich das lohnen würde, blieb Spekulation – bis zu dem Zeitpunkt, als MT die Arbeit – noch uneingeschmolzen – beim Mittagessen spontan erwarb. Die Form, in welche die zwei Barren hätten gegossen werden sollen – die eines vergrößerten, geschmolzenen Aluminiumtropfens –, wurde gemeinsam mit meiner Praktikantin Emilija aus Plastilin modelliert.
Zwei leere Tabletts habe ich aus den USA über Jamaika nach Schwerin importiert. Da mir ihre Gebrauchsspuren einzigartig erschienen, siegte mein Wille über den mit dem Transport verbundenen Schrecken.
Vor zwanzig Jahren fotografierte mein Partner sein Kaninchen, ein Vale van Bourgondië, auf exakt jenem Tisch, an dem ich nun sitze und schreibe. Noch ganz Kind lud er das Bild bei Wikipedia hoch, wo es bis heute als Referenzbild dieser Kaninchenart dient. Nun begleitet das Bild diese Ausstellung als Postkarte und Poster.
Im hinteren Raum liegen ausrangierte Roboter, die ich mir vom Institut für Mechatronik in der Abteilung Maschinenbau M-4 des Ligeti Zentrums ausgeliehen habe. Ein Knie beugt sich um eine Ecke, und ich lernte, dass „Remanenz“ der Begriff für den Restmagnetismus ist, der in einem Kern verbleibt, nachdem das Magnetfeld entfernt wurde.
Ein Reader [Sammelband] mit von mir kuratierten fiktionalen Texten wird posthum als Begleitband zu dieser Ausstellung erscheinen."
– Céline Mathieu
Übersetzung:
Dara Jochum
Kuratorin
Hendrike Nagel
Assistenzkuratorin
Luisa Kleemann
Kuratorische Assistenz
Lisa Dohmstreich
Aufbauleitung
Miles Schuler
Material
Biografie
Céline Mathieu (*1989, Belgien) ist Künstlerin und Autorin. Ihre orts- und zustandsspezifische Praxis untersucht die Zirkulation von Gedanken und Materialien – die „gelebte Logistik“ des Lebens und des Ausstellungsmachens innerhalb dieser. Ihre Installationen verbinden häufig Klang, Duft, unterschiedliche Materialien und Text, durchzogen von einer sanften Institutionskritik sowie Verschränkungen von Intimität und Ökonomie. Zuletzt zeigte sie Einzelausstellungen in der Kunsthall Trondheim, im Kunstverein Harburger Bahnhof, Hamburg, bei Gauli Zitter, Brüssel und bei Sentiment, Zürich.
Förderer
Mit freundlicher Unterstützung:





















