Ausstellungstext
Der Kunstverein für Mecklenburg und Vorpommern in Schwerin zeigt eine intergenerationale Duoausstellung, die das Werk des in Schwerin geborenen Künstlers und Architekten Paul Goesch (1885–1940) mit Arbeiten des österreichischen Malers Matthias Noggler (*1990) zusammenbringt. Anstelle einer biografischen Annäherung möchte die Ausstellung einen bildnerischen Dialog zwischen Goeschs architektonischen und visuellen Konzepten und Nogglers zeitgenössischen Malereien eröffnen. Im Mittelpunkt steht dabei das gemeinsame Interesse beider Künstler an Fragen des Raums, der Bildproduktion und der Darstellung gesellschaftlicher Strukturen.
Paul Goesch zählt noch immer zu den verkannten Künstler:innen der künstlerischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Als Maler und Architekt war er in richtungsweisenden künstlerischen Netzwerken wie dem Arbeitsrat für Kunst, der Novembergruppe und der von Bruno Taut initiierten Gläsernen Kette aktiv. Sein Werk steht damit für eine Praxis, in der architektonische Utopie, ästhetische Vision und subjektive Erfahrung auf einzigartige Weise miteinander verschränkt sind. Als ausgebildeter Architekt fand Goesch jedoch vor allem in der Malerei seine eigenständige künstlerische Ausdrucksform. Seine Bildräume sind entsprechend weniger als konkrete Bauvorschläge denn als Denkmodelle für alternative Formen von Gemeinschaft, Wahrnehmung sowie gebautem und imaginiertem Raum zu verstehen.
Goeschs wiederholte psychiatrische Aufenthalte, die schließlich in seiner Ermordung im Rahmen der nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen mündeten, trugen wesentlich dazu bei, dass sein Werk lange Zeit aus dem kunsthistorischen Kanon ausgeschlossen und stattdessen vorrangig unter den Kategorien Art Brut oder Outsider Art rezipiert wurde. Beide Begriffe bezeichnen Kunst, die außerhalb etablierter akademischer und institutioneller Zusammenhänge verortet wird und historisch insbesondere mit Künstler:innen in psychiatrischen Einrichtungen oder anderen gesellschaftlichen Randpositionen in Verbindung gebracht wurde. Im Fall Goesch erweist sich diese ohnehin fragwürdige Kategorisierung als besonders unzureichend, da sie seine Ausbildung sowie seine enge Einbindung in die künstlerischen Diskurse und Netzwerke der historischen Avantgarde außer Acht lässt. Die Ausstellung im Kunstverein ist die erste Präsentation Goeschs Werk in seiner Geburtsstadt Schwerin und möchte damit einmal mehr einen Künstler würdigen, dessen außergewöhnliches Schaffen erst in den vergangenen Jahren zunehmend kunsthistorische Anerkennung erfahren hat.
Ähnlich wie Paul Goesch setzt sich auch Matthias Nogglers künstlerische Praxis mit den räumlichen Bedingungen gesellschaftlicher Ordnung auseinander. Im Zentrum seiner Arbeiten steht die Frage, wie Ordnungssysteme durch soziale Beziehungen, Machtverhältnisse und kulturelle Zuschreibungen hervorgebracht werden und zugleich Wahrnehmungsweisen und Verhaltensmuster prägen. Seine Arbeiten sind dabei grundsätzlich von einer bewussten Reflexion über die politischen, sozialen und historischen Dimensionen von Malerei sowie deren Potenzial zur Repräsentation gesellschaftlicher Wirklichkeit geprägt. Wiederkehrende Motive wie Alltagsszenen, urbane Architekturen und abstrakte Raumgefüge untersuchen das Verhältnis von individueller Wahrnehmung und kollektiver Erfahrung und machen den Bildraum als Ort gesellschaftlicher Aushandlung sichtbar.
Für diese malerische Auseinandersetzung greift Noggler auf unterschiedliche Bildtraditionen zurück – von Architekturzeichnungen und biblischer Ikonografie bis hin zu dokumentarischen Bildkulturen und Informationsgrafiken – und überführt sie in eine zeitgenössische Bildsprache zwischen konkreter Beobachtung und Abstraktion. In der Ausstellung bilden unter anderem spätmoderne Architekturentwürfe, in denen Stadt, Landschaft und Infrastruktur als plan- und kontrollierbare Systeme entworfen wurden, sowie historische Symbolsysteme und Piktogramme zentrale Ausgangspunkte. Deren Anspruch auf Universalität, Verständlichkeit und Objektivität wird in Nogglers Malerei aufgegriffen, reflektiert und in neue bildnerische Zusammenhänge überführt.
Einen zentralen Bezugspunkt bilden für Matthias Noggler – sowie auch für die Duoaustellung – die Arbeiten von Paul Goesch, auf die er sich in seiner eigenen künstlerischen Praxis wiederholt bezieht. Davon ausgehend bringt die Ausstellung unterschiedliche Werkserien beider Künstler in Dialog und versucht, zusammenhängende Fragestellungen sichtbar zu machen, die sich trotz ihrer zeitlichen Distanz zwischen den Arbeiten eröffnen. So zeigen sich nicht nur auf motivischer Ebene Parallelen, sondern ebenso in der spezifischen Konstruktion der Bildräume: in der architektonischen Anlage der Kompositionen, der intensiven Farbigkeit, der Auflösung klassischer Raumordnungen sowie in gezielten Verschiebungen von Perspektive und Maßstab.
Goesch und Noggler entwickeln Bildräume, die sich zwischen konkreter Gegenständlichkeit und imaginärer Konstruktion bewegen und in denen sich gesellschaftliche, psychologische und ästhetische Bedeutungsebenen überlagern. Ihre Bilder verstehen Raum nicht als Gegebenheit, sondern als einen dynamischen Prozess. Thematisch wie malerisch steht dabei das Spannungsverhältnis zwischen gezielter Planung und subjektiver Erfahrung, zwischen normierenden Ordnungssystemen und individueller Aneignung sowie zwischen Repräsentationsanspruch und künstlerischer Autonomie im Mittelpunkt. Während Goeschs Arbeiten vor dem Hintergrund der historischen Avantgarden neue Formen gesellschaftlicher Imagination entwerfen, setzt sich Noggler aus gegenwärtiger Perspektive mit den Bedingungen und Konstruktionen der Vorstellungswelten der Moderne und deren Nachwirken in der Gegenwart auseinander. In diesem Sinne wird auch der kunsthistorische Umgang mit Kategorien und Zuschreibungen selbst zum Gegenstand der Reflexion.
Kuratorin
Hendrike Nagel
Assistenzkuratorin
Luisa Kleemann
Kuratorische Assistenz
Lisa Dohmstreich
Aufbauleitung
Miles Schuler
Material
Biografie
Paul Goesch (*1885, Schwerin; † 1940, Brandenburg an der Havel) wuchs in Schwerin und Berlin auf. Nach dem Abitur begann Goesch 1903 ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule Charlottenburg, das er mit Stationen in München und Karlsruhe fortsetzte. Trotz gesundheitlicher Belastungen, die wiederholte Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken erforderlich machten, konnte er 1910 sein Studium abschließen und als Regierungsbauführer arbeiten. Ab den frühen 1920er Jahren lebte Goesch in Göttingen, wo er Patient der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt war. 1940 wurde Paul Goesch im Rahmen der NS-„Euthanasie“-Aktion T4 in der Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel ermordet. Im Zuge der nationalsozialistischen Aktion „Entartete Kunst“ wurden 1937 mehrere seiner Werke aus öffentlichen Sammlungen entfernt. Goeschs Werk wurde in den letzten Jahrzehnten posthum mehrfach ausgestellt, unter anderem im Clark Art Institute, Williamstown (2023), in der Berlinischen Galerie (2016) sowie in der Sammlung Prinzhorn, Heidelberg (2016). Heute befinden sich Werke Goeschs unter anderem in der Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, der Berlinischen Galerie, der Akademie der Künste Berlin sowie im Canadian Centre for Architecture, Montréal.
Matthias Noggler (*1990, Innsbruck) studierte Malerei an der Universität für Angewandte Kunst Wien und der Akademie der bildenden Künste Wien. Er lebt und arbeitet in Berlin und Wien. Zu seinen jüngsten Einzelausstellungen zählen „The Uselessness of Defense“, Andräkirche, Salzburg (2026); „Supergraphics“, Galerie Drei, Köln (2025); „Untitled Abstraction“, Galerie Layr, Wien (2024); „Iterations“, Galerie Drei, Köln (2023) und „Thicket of Things“, Galerie Layr, Wien (2021). Darüber hinaus war er unter anderem an Gruppenausstellungen beteiligt im MoCAB, Belgrad (2025); Take Ninagawa, Tokio (2024); Leopold Museum Wien (2024); Belvedere 21, Wien (2021).
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