Aktuell Ausstellung Dialogausstellung

Cora Pongracz

8 erweiterte portraits
mit:
Paul Niedermayer

1/27

Ausstellungstext

Die dritte dialogische Präsentation erweitert Cora Pongracz’ Serie und gleichnamige Ausstellung 8 erweiterte portraits um Arbeiten der Künstlerin Paul Niedermayer, deren Praxis an Pongracz’ medienreflexives Vorgehen anschließt und Fragen der Bildproduktion selbst zum konstitutiven Bestandteil ihrer ästhetischen Strategie macht. Während Pongracz mit ihrer 56-teiligen Serie 8 erweiterte portraits, 1974, das etablierte fotografische Genre der Porträtfotografie aufgreift, um dessen konventionelle Parameter durch dialogische Setzungen buchstäblich zu erweitern, knüpft Niedermayer mit ihrer Serie Wildlife, 2025, an das ebenso stark kodifizierte fotografische Genre der – bereits im Titel impliziten – Wildlife-Fotografie an. Beide künstlerischen Positionen operieren damit an der Schnittstelle fotografischer Tradition und deren kritischer Revision.

Die dreizehn Fotografien aus Niedermayers Serie Wildlife, 2025, die sich immer wieder in die Leerstellen und Zwischenräume der Pongracz’ gewidmeten Ausstellungarchitektur einschreiben, operieren bewusst im Grenzraum etablierter Logiken. Sie unterlaufen die Prämissen klassischer Wildlife-Fotografie – etwa die Beobachtung von Tieren in ihrem natürlichen Habitat oder die Verpflichtung zu dokumentarischer Authentizität – durch gezielte Inszenierungen, digitale Eingriffe und ein choreographiertes Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Zufall, Symbolik und Entleerung. Die vermeintlich „wilden Tiere“ – eigentlich zur Schädlingsbekämpfung gezüchtete Marienkäfer – werden aus ihrem nicht mehr existierenden ökologischen Kontext herausgelöst. Obwohl durch den Einsatz von Mikro- und Makroobjektiven, Langzeitbelichtungen, sequenziellen Blitzen, fotografischen Reproduktionsverfahren und digitalen Manipulationen ein Abstraktionsgrad entsteht, der die Aufnahmen deutlich als Konstruktionen erkennen lässt, lassen sich immer wieder unnatürliche Umgebungen – wie Tischkanten oder spiegelnde Glasoberflächen – erahnen. Das fotografische Interesse verschiebt sich damit vom naturkundlichen Objekt und dessen dokumentarischem Wert hin zur menschlichen und medialen Konstruktion, die die Bilder hervorbringt.

Zufall und Symbolik – als zwei der zentralen Grundfragen des fototheoretischen Diskurses –, die sich in der Wahl des Subjekts, dem Marienkäfer, im optisch ähnlichen Bildmotiv des Würfels sowie in Bewegungs- und Lichtverläufen manifestieren, werden dabei nicht eliminiert, sondern als bildgenerierende Faktoren zugelassen und sogar provoziert. So entstehen bildnerische Perspektiven, die nicht nur die Grenzen menschlicher Wahrnehmung überschreiten, sondern auch die indexikalische, das heißt abbildhafte, Funktion der Fotografie grundlegend infrage stellen: Käfer erscheinen mehrfach in exakt derselben Position; Blickwinkel überlagern sich; Schatten treten jenseits physischer Gegebenheiten auf; Reflexionen eröffnen imaginäre Räumlichkeiten. Auf diese Weise erscheinen die Marienkäfer weniger als zoologische Subjekte, sondern werden vielmehr zu Elementen eines komplexen Spiels der Zeichen, das indexikalische und symbolische Ebenen miteinander verschränkt.

In der Gegenüberstellung wird deutlich, dass Pongracz’ und Niedermayers Arbeiten ein epistemologisches Interesse an der Fotografie verbindet: als ein Medium, das nicht nur Abbilder erzeugt, sondern durch Wahrnehmungsmodi, symbolische Ordnungen und kulturelle Codierungen beeinflusst wird sowie diese auch generiert. Pongracz erweitert das Porträt, indem sie die Subjektkonstitution im fotografischen Moment – als dialogischen Prozess – in den Mittelpunkt rückt; Niedermayer eignet sich Techniken der Wildlife-Fotografie an und spielt in diesem Kontext mit Fragen des Symbolhaften. Beide Künstlerinnen thematisieren somit die Bedingungen fotografischer Bildentstehung – Apparatur, Setting, Blickregime, auktoriale Instanz, Genre-Regeln – als integralen Bestandteil des Bildes und erweitern diese. So entsteht ein dialogischer Raum, der nicht nur die Fotografie, sondern auch Fragen von Repräsentation als historisch gewachsene, zugleich instabile und kontinuierlich neu auszuhandelnde Systeme erkennbar macht.

Künstlerische & Kaufmännische Leitung

Hendrike Nagel

Assistenz- & Programmkuratorin

Luisa Kleemann

Material

Biografie

Paul Niedermayer ist eine in Berlin lebende Künstlerin.  

Agenda

Rezensionen

Förderer

Die Ausstellung "Cora Pongracz: 8 erweiterte postraits" wird gefördert von:

Die dialogische Erweiterung im Rahmen des Vermittlungs- und Rahmenprogramm wird gefördert von:

Kunstverein für Mecklenburg und Vorpommern in Schwerin