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Mit 8 erweiterte portraits präsentiert der Kunstverein für Mecklenburg und Vorpommern in Schwerin eine Ausstellung, die das Werk der österreichischen Fotografin Cora Pongracz (1943–2003) in den Mittelpunkt stellt. Durch das Medium der Fotografie eröffnen Pongracz’ Arbeiten einen Dialog über Identität und diversitätssensible Repräsentation. Um die Bedeutung und das Potenzial von Pongracz’ künstlerischem Schaffen im Kontext heutiger gesellschaftlicher Diskurse zu reflektieren, ist eine Reihe von zeitgenössischen Künstler:innen eingeladen, im Verlauf der Ausstellung durch eigene fotografische Arbeiten, Texte, Performances und andere Formen kritischer Intervention auf Pongracz’ Werk zu reagieren und dieses in Beziehung zu setzen.
Im Rahmen der Kulturnacht erweitert sich die Ausstellung 8 erweiterte portraits dialogisch in den Stadtraum Schwerins. Der Goldene Saal des Neustädtischen Palais, ehemals Witwenpalais und heute Sitz des Justizministeriums, wird von der Künstlerin Deva Schubert in Zusammenarbeit mit Chihiro Araki und ihrer Performance Glitch Choir eingenommen. Die performative Intervention setzt den Diskurs über (weibliche)Identität sowie über Bild- und Repräsentationspolitiken in Beziehung zu dem historischen Gebäude und entwickelt ihn choreographisch weiter.
Glitch Choir wurde bereits an verschiedenen Orten gezeigt und entwickelt sich kontinuierlich weiter. Jede Aufführung reagiert dabei auf die spezifischen räumlichen Gegebenheiten und Bedingungen sowie auf die sich verändernde Konstellation der beteiligten Performer:innen und deren Situiertheit, die durch persönliche Erfahrungen, kulturelle Hintergründe und eigene Ausdrucksweisen den Erfahrungsraum der Performance individuell prägt. Die Performance überträgt dabei das Phänomen des „Glitch“ – digitale Störungen, wie sie in verzerrten Bildern oder stockenden Videos auftreten – in den analogen Raum. Durch bewusst gesetzte Brüche, stimmliche Verzerrungen und klangliche Verschiebungen entsteht mit jeder Iteration eine neue Form kollektiver Stimmlichkeit.
Historisch wurde öffentliche Trauer vor allem von Frauen ausgeführt, die gegen Bezahlung dem Schmerz anderer Ausdruck verliehen. Es waren zumeist Frauen, denen es erlaubt war – oder die dazu verurteilt waren –, das Private ins Öffentliche „zu glitchen“. Glitch Choir greift diese weiblich konnotierten Rituale und körperlichen Ausdrucksformen – Gesänge, Bewegungsabläufe und emotionale Zustände – kollektiver Trauer und Klage auf und eröffnet zugleich die Möglichkeit, individuelle Trauer in einen Moment geteilter Intimität und Vielstimmigkeit zu übersetzen. In der stimmlichen Verzerrung, die der Klage innewohnt, vollzieht sich so eine Transformation der Trauer in einen kollektiven Moment des Glitches.
Für die Performance im Goldenen Saal des Neustädtischen Palais arbeiten Deva Schubert und Chihiro Araki zusammen mit gesangsinteressierten Frauen und Sänger:innen aus lokalen Chören. Gemeinsam erproben sie eine Praxis kollektiver stimmlicher Artikulation: Sie singen miteinander, füreinander und sich gegenseitig den Ton in den Mund, sodass die eigene Stimme im Körper der anderen widerhallt. Der Körper wird so zu einem Resonanzraum, in dem die weibliche Stimme geteilt und amplifiziert wird – als feministisch informierte, partizipative Praxis. Die klangliche Ebene verbindet sich dabei mit einer Choreografie zwischen Studium und Improvisation, Emanzipation und Protest.
Künstlerische & Kaufmännische Leitung
Hendrike Nagel
Assistenz- & Programmkuratorin
Luisa Kleemann
Kuratorische Assistenz
Emma Roy
Teilnehmende
Elisabeth Blumenschein, Zora Č., Janet Gillette, Enya Ohlenroth, Emma Roy, Jenny Svensson, Nahed Terkawi, Petra Weyrich
Biografie
Deva Schubert, geboren 1991, lebt und arbeitet in Berlin. Schubert ist Choreografin und Tänzerin mit Schwerpunkt auf der Erforschung der Stimme. Sie studierte Tanz in Salzburg, Kassel, Kopenhagen und am HZT Berlin sowie Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel. Ihre Performances wurden im Haus der Kunst, München, mumok, Wien, Sophiensaele, Berlin, Radialsystem, Berlin, Kunsthalle Zürich, Kunstmuseum Uppsala, sowie beim Transart Festival, Bozen, präsentiert. Als Performerin war sie Teil von internationalen Festivals wie der Venedig Biennale, der Documenta 14 und dem Steirischen Herbst. Ihr Stück Glitch Choir wurde 2024 mit dem ImPulsTanz – Young Choreographers‘ Award ausgezeichnet.
Förderer
Das Vermittlungs- und Rahmenprogramm des Kunstvereins wird gefördert durch:




















